Der Schmetterling ~ Nr.71 Sonntag, 23. März 2025 0271-7411-0102 ~ www.lfl-siegen.de |
Es spricht zum Menschen-Ich,
Sich machtvoll offenbarend
Und seines Wesens Kräfte lösend,
Des Weltendaseins Werdelust:
In dich mein Leben tragend
Aus seinem Zauberbanne,
Erreiche ich mein wahres Ziel.
Mit dem Hör-, Laut-, Gedanken- und Ich-Sinn nähern wir uns dem „Inneren“ von andern Wesen an. Oder ist es zugleich unser eigenes Inneres?
Wenn wir von den „mittleren“ Sinnen (hier finden Sie ja das Gesamtschema fast direkt von Steiners Vortragstafel) weitergehen zu den 4 „höheren“ Sinnen, ist dies, wie gesagt, einerseits ein Weg nach Außen, „zu den Dingen“, andererseits eben in das Innere von andern Wesen hinein. Das zeigt sich sogleich beim Hörsinn. Steiner:
Nun stellen wir uns vor, dass Sie mehr noch in das Innere der Körperlichkeit gehen, als es durch den Wärmesinn möglich ist, dass Sie gewissermaßen nicht nur dasjenige, was die Körperlichkeit von außen durchdringt, aber allerdings im Inneren durchsetzt wie die Wärme, ins Auge fassen, sondern was innere Qualität der Körper durch ihre Wesenheit ist. Zum Beispiel: Sie hören eine metallene Platte, die Sie anschlagen, dann nehmen Sie etwas von der Substantialität dieser metallenen Platte wahr, also von dem inneren Wesen des Metallischen. Während, wenn Sie die Wärme wahrnehmen, Sie durch den Wärmesinn nur dasjenige wahrnehmen, was gewissermaßen als allgemeine Wärme die Körper durchdringt, aber dann allerdings im Inneren ist, so nehmen Sie also durch den Hörsinn dasjenige wahr, was schon mit dem inneren Wesen der Körper zusammenhängt. GA 199, S.45)
Es ist mehr als ein bloßes Bild, wenn man davon spricht, dass die Seele eines Körpers durch den Ton zur Offenbarung gebracht wird. Durch die Wärme, die ein Körper in sich trägt, erfährt man etwas über seinen Unterschied gegenüber der Umgebung; durch den Ton tritt die Eigennatur, das Individuelle des Körpers nach außen und teilt sich der Empfindung mit. (GA 45, S.35)
Es ist klar, dass, was Steiner hier vorträgt bzw. schreibt (2. Zitat), den Kriterien von „Wissenschaft“, wie wir sie gewohnt sind, nicht entspricht. Physiker, Physiologen, Psychologen würden sich alle gegen diesen Sprachgebrauch verwahren ~ oder sagen, es sei eben doch ein „bloßes Bild“. Denn „die Seele“ oder „das Individuelle“ eines („unbeseelten“) Körpers kann es doch gar nicht geben, sagt man. Zugleich ist Steiner mit dieser anderen Art von Wissenschaft viel näher dran an unserm Alltag, unserer Realität. Denn selbstverständlich orientieren wir uns ständig durch unser Gehör über die inneren Eigenschaften der Dinge um uns herum. Per Gehör stellen wir fest, dass wir diesen Teller nicht mehr benutzen sollten, weil er bald brechen wird. Metall klingt einfach anders als Holz. Etc. etc. Wenn Steiner an dieser Stelle von „Seele“ spricht, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder entrüstete Ablehnung, oder: weiter Steiners „Bilder“ zu erforschen und gespannt-offen zu sein, wie sich die eigenen Vorstellungen von „Leib und Seele“, „Subjekt und Objekt“, „Innen und Außen“ möglicherweise verändern könnten. Wie letzte Woche angedeutet: Wenn es irgendwo eine Brücke zwischen diesen Polen gäbe, würden wir das wohl begrüßen ~ denn letztendlich kommen wir damit auch den kleineren Kindern näher, die diese Brücke gar nicht erst benötigen.
Beim Hörsinn dürfen wir nur an „unbeseelte“ Gegenstände denken. Das Wertvolle der anthroposophischen Sinneslehre ist ja, die zwölf Erlebnisfelder exakt voneinander zu differenzieren (auch wenn sie dann wieder vielfältig ineinanderspielen). Das ist jetzt besonders wichtig. Eine quietschende Tür gehört zum Hörsinn. Ein winselnder Hund aber spricht uns ganz anders an, und dies nennt Steiner den Lautsinn. Auch die Bezeichnung „Sprachsinn“ ist gängig, aber wir dürfen an dieser Stelle noch nicht an ein gedankliches Verstehen des Sprachinhaltes denken.
Ein Laut wird nicht bloß seinem Tonwert nach empfunden, sondern es wird mit ihm etwas viel Innerlicheres aufgefasst, als es der Ton ist. Wenn man sagt, im Tone lebt die Seele eines Körpers, so kann man auch sagen, im Laut offenbart sich dieses Seelische so, dass es losgelöst, befreit vom Körperlichen, mit einer gewissen Selbständigkeit in die Erscheinung tritt. Weil die Lautempfindung vor dem Urteilen liegt, darum lernt das Kind früher die Lautbedeutungen der Worte empfinden, als es zum Gebrauche des Urteils kommt. (…) Auch die Geste, Mimik, das Physiognomische führt zuletzt auf ein Einfaches, Unmittelbares, das ebenso in das Gebiet des Sprachsinnes gerechnet werden muss wie der Inhalt des hörbaren Lautes. (GA 45, S.36)
Und noch eine scharfe Trennung: Als „Sinn“ will Steiner immer nur unmittelbare Erlebnisse verstanden wissen, die ohne Beteiligung des Verstandes zustande kommen. Wie kann er dann von einem „Sinn für das Wahrnehmen der Gedanken der anderen Menschen“ sprechen? Auch hierbei ist nichts „höheres“, „Übersinnliches“ gemeint ~ unsere alltägliche Sinneswelt ist hoch genug:
Gedankensinn ist nicht der Sinn für die Wahrnehmung eigener Gedanken, sondern für das Wahrnehmen der Gedanken der anderen Menschen. Darüber entwickeln auch wieder die Psychologen ganz groteske Vorstellungen. Vor allen Dingen sind die Leute so sehr von der Zusammengehörigkeit von Sprache und Denken beeinflusst, dass sie glauben, mit der Sprache wird immer auch das Denken aufgenommen. Das ist ein Unding. Denn Sie könnten die Gedanken durch Ihren Gedankensinn ebenso als liegend in äußeren Raumesgebärden wahrnehmen wie in der Lautsprache. Die Lautsprache vermittelt nur die Gedanken. Sie müssen die Gedanken für sich selbst durch einen eigenen Sinn wahrnehmen. (GA 293, S.132)
Wäre alles Denken sprachgebunden, würden wir ja schließlich im Nationalismus ersticken. Der Gedankensinn hat es nicht mit etwas von einer bestimmten Kultur Geprägtem zu tun, sondern mit dem „gemeinsamen Menschengeist, der über die ganze Erde hinüberwallt“. ~ Man kann also, so Steiner,
auch das verstehen, wofür man es noch garnicht zu einer Urteilsgrundlage gebracht hat. Es gibt nämlich auch eine ganz unmittelbare Wahrnehmung auch für das, was sich im Begriffe offenbart, so dass man von einem Begriffssinn sprechen muss. Der Mensch kann das, was er in eigener Seele als Begriff erleben kann, auch von einem fremden Wesen offenbarend empfangen.
Ohne diese Möglichkeit, wenn wir uns also „alles selber ausdenken“ müssten, würden wir ja sowohl in der Schule wie auch mit unserem Begreifen der Anthroposophie schlecht dastehen!
Der „Ichsinn“ ist das Wahrnehmungsorgan für „das Ich des andern Menschen“. Wie Steiner den Gedankensinn scharf getrennt wissen will vom eigenen Denken, so den Ichsinn vom Erleben des eigenen Ich. Die unverwechselbare Person, den andern Menschen mit seinem eigenen Innenleben, können wir natürlich immer nur ahnungsweise erfassen. Aber wir nehmen dieses „andere Ich“ unmittelbar wahr, d.h. wir kommen nicht etwa durch ein „Hineinversetzen“, durch einen Analogieschluss dazu („weil der andere auch so wie ein Mensch aussieht, hat er auch ein Ich“). Solche Thesen spielten im Alltag wohl noch nie eine Rolle, denn wie sollte z.B. ein Kleinkind überhaupt existieren und heranwachsen, ohne unmittelbar wahrnehmend in dem „Ich“ der primären Bezugspersonen geborgen zu sein. Dennoch beeinflussten solche Theorien des „Hineinversetzens“ ungut die Humanwissenschaften, weshalb Steiner betont:
Dies ist ein vollständiger Unsinn, ein wirklicher, echter Unsinn; denn die Wahrheit ist, dass ebenso wie wir mit den Augen Farben sehen, wie wir mit dem Ohre Töne hören, wir auch das Ich des anderen wirklich wahrnehmen. Ganz ohne Zweifel, wir nehmen es wahr. Und diese Wahrnehmung ist eine selbständige. So wie das Sehen nicht auf einem Schluss beruht, wie das Hören nicht auf einem Schluss beruht, so beruht das Wahrnehmen des Ich des anderen nicht auf einem Schluss, sondern ist eine unmittelbar wirkliche, selbständige Wahrheit, die unabhängig gewonnen wird davon, dass wir den andern sehen, dass wir seine Töne hören. Abgesehen davon, dass wir seine Sprache vernehmen, dass wir sein Inkarnat sehen, dass wir seine Gesten auf uns wirken lassen, abgesehen von alledem nehmen wir unmittelbar das Ich des andern wahr. Und so wenig der Sehsinn mit dem Tonsinn zu tun hat, so wenig hat die Ich-Wahrnehmung mit dem Sehsinn oder mit dem Tonsinn oder mit irgendeinem anderen Sinne zu tun. Es ist eine selbständige Ich-Wahrnehmung. Ehe das nicht eingesehen wird, ruht die Wissenschaft von den Sinnen nicht auf soliden Grundlagen. (GA 170, S.241f)
Der „Ichsinn“ ist eine besonders anspruchsvolle und faszinierende Frage, insbesondere auch für die Pädagogik. So wundert es nicht, dass Steiner in den Vorträgen bei der Begründung der ersten Waldorfschule ausführlich darauf eingeht und quasi die „Funktionsweise“ dieses Ichsinnes schildert. Sie besteht nämlich in einem feinen, schnellen „Wechselspiel zwischen mir und dem anderen Menschen“, wobei ich immer wieder „in den andern Menschen hineinschlafe“ und sofort wieder, mich wehrend, zu mir selbst aufwache. Das kann hier aus Platzgründen nicht zitiert, sondern nur verlinkt werden (GA 293, S.129). Steiner verweist die LehrerInnen an dieser Stelle sogar an eine Passage seines grundlegenden Werkes „Die Philosophie der Freiheit“, so wichtig ist ihm der Ichsinn.
Damit sind also die 12 Sinne nach Rudolf Steiner kurz skizziert. Eine reiche Welt, aus der wir mit den Kindern schöpfen können. Zur Abrundung sei ein Gedanke nur angedeutet, den wir Steiners Buch „Anthroposophie“ von 1910 entnehmen. Zunächst heißt es, „dass die Sinnesorgane aus einer Welt aufgebaut sein müssen, die selbst übersinnlich ist“. Denn sonst bleibt man bei der Erklärung, woher die Sinne kommen, ja im Zirkel stecken: „Man kann wohl beobachten, wie ein Hammer entsteht, ohne sich dabei eines Hammers zu bedienen; nicht aber kann man sinnenfällig beobachten, wie ein Sinnesorgan entsteht, ohne sich eines solchen zu bedienen.“ Wenn wir nun die Vielfalt unserer Sinnes-Erlebnisse zu einer Einheit (in unserm „Ich“) zusammenfassen können, muss in dieser „übersinnlichen Welt“ auch eine Einheit zugrunde liegen. Wörtlich:
Es ergießen sich die Strömungen dieser Welt in jene Brunnen, die in den Sinnesorganen liegen, so dass der Mensch aus diesen Brunnen für sein Seelenleben schöpfen kann. Und weil dasjenige, was aus diesen Brunnen geschöpft wird, zuletzt sich in dem «Ich» zusammenfindet, so muss es, obwohl es von verschiedenen Seiten her kommt, doch ursprünglich einem einheitlich in sich Wirkenden entströmen.
Damit widerspricht Steiner hier der These von den „Zufallssinnen“ (Fritz Mauthner), die besagt, dass wir über unsere zufälligen Sinne ja nur einen zufälligen Ausschnitt aus der Welt wahrnehmen. Eine fremde Welt wäre das. Nein, wenn sie in uns „Ich“ wird, dann ist sie auch Ich. Auch wenn wir es vielleicht noch nicht genau verstehen1: unser auf Erfahrung beruhendes Vertrauen, dass unsere wunderbar vielfältige Sinnes-Welt einem „einheitlich in sich Wirkenden entströmt“, dürfte für uns Pädagogen von hohem Wert sein, weil wir es den Kindern mitgeben können.
1 „Aber glauben Sie mir: das intensiv erlebte Nichtverstehen ist die nicht zu vermeidende Vorbedingung für das Verstehen.“, diesen Ratschlag gab Karl Ballmer hinsichtlich des Steiner-Verstehens. ⇑